Ich habe vor wenigen Tagen einen Beitrag über das Tracking von Polizei und Militär durch Aircraft OSINT geschrieben. Heute gehe ich auf die Möglichkeit ein, dass Aircraft OSINT im schlimmsten Falle durch Terrorismus missbraucht werden könnte.

Wenn ich mir die Situation in Israel angucke, wäre es für Terroristen relativ einfach eine OSINT Analyse durchzuführen und so die genauen Koordinaten und Informationen über einen möglichen Terrorschlag zusammenzutragen.

Achtung: Ich weise darauf hin, dass das hier ein theoretischer Beitrag ist und ich keinerlei Gewalt dulde oder provozieren möchte. Auch unterstütze ich gewiss kein Terrorismus. Dies ist ein Bildungsbeitrag. Ich habe mich bemüht bestmöglich zu recherchieren, allerdings kann es selbstverständlich vorkommen, dass sich eventuell der ein oder andere Fehler eingeschlichen hat, da ich natürlich nur ein Laie bin.

Das Angriffsszenario

Ich möchte nun ein Szenario beschreiben, in dem Terroristen Aircraft OSINT missbrauchen, um einen Terroranschlag zu begehen. Als Beispiel dient mir die aktuelle eskalierte Situation zwischen Israel und der Hamas.

Terroristen der Hamas versuchen seit über einer Woche mit tausenden Raketen Israelis zu töten. Der eigentliche Konflikt besteht schon seit vielen Jahren. Die meisten eigentlich erfolgreichen Angriffe werden durch das Iron Dome Raketenabwehrsystem erfolgreich unterbunden.

Wenn man sich die Bilanz der Todesopfer anschaut, kann man schon fast von einem großen Glücksfall sprechen, dass nicht noch mehr Menschen ihr Leben auf diese tragische Art und Weise verloren haben.

Was wäre aber, wenn die Hamas sich dazu entschließen würde keine Israelis auf israelischem Boden anzugreifen, welche eh durch Iron Dome weitestgehend geschützt sind, sondern sich entscheiden würde, Israelis außerhalb von Israel zu töten?

Genau dort kommt Aircraft OSINT ins Spiel! Flugzeugunglücke der Vergangenheit haben gezeigt, dass die größten Gruppen an Nationalitäten der Passagiere eines Flugzeuges meistens die Nationalitäten sind, die der des Startflughafens und der des Zielflughafens gleichen. In der nachfolgenden Tabelle findet man gute Beispiele für diese Behauptung.

Was wäre also, wenn Terroristen eine Passagiermaschine abschießen würden, die in Israel landen soll? Das ist gar kein so unwahrscheinliches Szenario! Ich denke da sofort an Malaysia-Airlines-Flug 17.

Das ukrainische Passagierflugzeug wurde am 17. Juli 2014 von prorussischen Rebellen mit einer russischen Buk-M1-Rakete abgeschossen. Sämtliche Menschen an Board starben. Allerdings ist die Hamas laut aktuellen Informationen nicht im Besitz einer solchen Waffe.

Die Bewaffnung der Hamas

Der unabhängige OSINT Analyst Fabian Hinz hat auf Twitter die aktuelle Raketenbewaffnung der Hamas zusammengefasst.

Die Raketen werden zwar von Jahr zu Jahr ausgeklügelter, raffinierter und effizienter, allerdings betrifft das auch die israelische Verteidigung.

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So werden die meisten der Raketen, welche tatsächlich bewohntes israelisches Gebiet treffen würden abgefangen und zerstört.

Allerdings hat jedes System auch seine Schwachstellen. Ich nehme hier Iron Dome als Beispiel. Dafür schauen wir uns einmal an wie Iron Dome funktioniert.

Wie funktioniert Iron Dome?

Iron Dome besteht aus 3 verschiedenen Komponenten.

  • Radareinheit – Die Radareinheit erkennt die Raketen und bestimmt diverse Daten. Darunter unter anderem die Geschwindigkeit der Raketen.
  • Kontrolleinheit – Die Kontrolleinheit berechnet, ob die Raketen bewohntes Gebiet erreicht und übermittelt in diesem Fall den Schießbefehl.
  • Raketenbatterie – Die Raketenbatterie schießt bis zu 20 Raketen ab, welche in einem 5 – 70 Kilometerradius die eigentlichen Raketen zerstören.

Das Problem an Iron Dome

Iron Dome Battery Deployed Near Ashkelon

Israel Defense Forces @ flickr.com/photos/45644610@N03/5615136853

In das Iron Dome System werden Koordinaten gespeichert, welche eine Schutzzone bilden. Nur wenn Raketen innerhalb dieser Schutzzone einschlagen, wird Iron Dome aktiv. Das bedeutet für mich, dass Iron Dome kein bewegliches Ziel verteidigen kann.

Zum Glück gibt es andere Systeme, welche eine Rakete mit einer ballistischen Flugbahn ohne größere Probleme abfangen können. Israel ist zum Beispiel im Besitz des Arrow-3-Systems (Version 4 wird aktuell entwickelt), des David’s Sling und des MIM-104 Patriot Systems.

Allerdings haben alle Systeme eine Schwachstelle. Sie können gar nicht oder nur mit Mühe einen Lenkflugkörper abfangen. Außerdem wurde Iron Dome entwickelt, weil man aufgrund der kurzen Flugzeiten der Hamas-Raketen mit den Systemen vor Iron Dome keine richtigen Abwehrmöglichkeiten hatte. Schauen wir uns deswegen mal Lenkflugkörper an.

Lenkflugkörper

Javelin air missile

Eine britisches Javelin-System

Lenkflugkörper haben im Gegensatz zu normalen ballistischen Raketen einen dauerhaften Antrieb. Außerdem werden sie entweder durch einen Schützen in ihr Ziel gelenkt, oder lenken sich selbstständig ins Ziel.

Der „Vorteil“ hierbei ist, dass keine Flugbahnberechnung durchgeführt werden kann, da sich die Flugbahn durch den eigenen Antrieb jederzeit ändern kann.

Es gibt nicht nur hochkomplexe Systeme die durch mehrere Soldaten bedient werden müssen, sondern auch sogenannte MANPADS. MANPADS oder auch Man Portable Air Defense System werden von einem einzigen Soldaten bedient.

Die Geschosse lenken sich entweder selbst in das Ziel oder werden zum Beispiel im Fall der Javelin (GB) durch eine Person in das Ziel gelenkt. In den letzten Jahrzehnten kam es zu dutzenden Angriffen durch MANPADS. Dabei verloren hunderte Menschen ihr Leben.

Aber wie soll die Hamas an solche Waffen kommen? Damit beschäftigen wir uns jetzt!

Woher bekommt die Hamas ihre Waffen?

Ein großer (aber nicht der einzige) Sponsor der Hamas ist der Iran. Er finanziert nicht nur die Hamas und andere Terrorgruppen in der Region, sondern versorgt sie auch mit Waffen bzw. Wissen über Waffen.

Damit war es der Hamas möglich, in den letzten Jahren eine starke Waffenproduktion aufzuziehen. Genau dort kommt das Misagh-System ins Spiel!

Was ist das Misagh System?

Das Misagh-System ist ein iranisches Boden-Luft-Lenkwaffensystem. Das System gibt es inzwischen in 3 verschiedenen Varianten (Misagh-1 bis Misagh-3).

Misagh-1 und Misagh-2 sind vollkommen autonom und steuern sich durch ein Infrarotsystem vollkommen von alleine ins Ziel. Misagh-3 ist lasergestützt und muss von einer Person in das Ziel gelenkt werden.

Für uns bedeutet das, dass die Hamas durchaus in der Lage wäre, über iranische MANPADS einen modernen Lenkflugkörper auf ein Flugzeug abzuschießen! Voraussetzung dafür ist natürlich, dass diese Waffen oder das Wissen wie man diese Waffen herstellt durch den Iran geliefert werden, falls sie es nicht schon sind.

Gibt es einen Schutz für Flugzeuge?

Tatsächlich gibt es bereits Systeme die zumindest einen gewissen Schutz gegen solche Angriffe bieten.

1. ) Das Northrop Grumman Guardian ist ein Raketenabwehrsystem für Zivilflugzeuge. Abwehren kann es leichte infrarotgelenkte Raketen.

Damit wäre es in der Lage einen gewissen Schutz gegen Misagh-1 und Misagh-2 Raketen zu bieten.  Das System ist mit einem Multiband-Infrarot-Laser ausgerüstet und stört durch Blendung die Infrarot-Suchköpfe der anfliegenden Raketen.

Die Raketen werden einfach gesagt einfach umgeleitet, sofern sie erkannt werden. Das System kostet etwa eine Million US-Dollar und ist auf 9 – 12 verschiedenen Flugzeugen installiert.

Es gab einen Vorstoß vom US-Kongress, dieses System auf bestimmten Routen zur Pflicht zu machen. Dies wurde 2006 wegen zweifelhaftem Nutzen, aus Kostengründen und dem Widerspruch der Airlines nicht umgesetzt!

2. ) Die größte Fluggesellschaft in Israel (El Al) hatte sämtliche Flugzeuge ihrer Flotte mit dem Flight Guard System ausgestattet.

Das ist ein Raketenabwehrsystem, welches wie das oben vorgestellte System infrarotgelenkte Raketen erkennt. Allerdings werden diese Raketen nicht durch einen Laser umgelenkt, sondern mit Täuschkörpern (Decoy Flares) ablenkt.

Also wäre auch dies ein relativ wirkungsvoller Schutz gegen die Misagh-1 und Misagh-2 Systeme.

Allerdings hatte hier zum Beispiel die EU ein Verbot durchgesetzt, weil man von einer potentiellen Brandgefahr am Boden ausgeht. Wo ich mir persönlich denke, dass ich es lieber am Boden brennen lasse, als ein Flugzeug mit 200 Passagieren abschießen zu lassen.

A400M DIRCM

airbus.com

3. ) Vor einigen Jahren haben diverse israelische Fluggesellschaften (unter anderem auch El Al) ihre Maschinen mit DIRCM Systemen ausgestattet.

Das System erkennt infrarotgelenkte Raketen und zielt mit einem Laserstrahl auf die anfliegende Raketen und zerstört sie wenn möglich.

Unter anderen nutzt Airbus dieses System für ihre militärischen Flugzeuge der deutschen Luftwaffe (siehe Foto). Allerdings wissen wir auch jetzt, dies ist kein Schutz gegen Misagh-3 Systeme.

Da wir uns bereits mit den Waffen der Hamas und Möglichkeiten des Schutzes für Flugzeuge beschäftigt haben, widmen wir uns nun einem potentiellem Ziel.

Das Ziel

Wie bereits in meinem ersten Artikel über OSINT, suchen wir über die Website flightradar24.com das potentielle Ziel. flightradar24 ersetzt in diesem Fall eine militärische Radareinheit, wie sie bei den meisten bodengestützten Systemen vonnöten ist.

Genau in diesem Moment (19:07 Ortszeit, 20.05.2021) fliegt eine Embraer E195AR der Fluggesellschaft Arkia Israeli Airlines mit dem Ziel Tel Aviv Ben Gurion International Airport über Israel.

Über Wikipedia kann ich ziemlich viele Informationen über mein fiktives Ziel zusammentragen. Die Informationen habe ich in der nächsten Tabelle bereitgestellt.

Es passen also bis zu 126 Passagiere, je nachdem wie die Sitzreihen gegliedert sind, in dieses Flugzeug. 126 Menschen, die höchstwahrscheinlich tot sind, wenn eine Rakete im Flugzeug einschlägt.

Basierend auf unserer Statistik aus der Tabelle am Anfang des Abschnitts „Angriffsszenario“, kommen 85,42 % aller Menschen aus den Ländern des Startflughafens oder des Zielflughafens. Terroristen würden mit einem Abschuss also statistisch gesehen etwa 108 Israelis töten.

Flugzeug

Pfeil 1 = Startflughafen // Pfeil 2 = Zielflughafen // Pfeil 3 = Gazastreifen

Das wären mit einer einzigen Rakete und ein paar Tagen Vorbereitung und Planung etwa 10 Mal so viel Todesopfer, wie in einer ganzen Woche mit tausenden Raketen.

Das Flugzeug ist in Iraklion (Kreta, Griechenland) gestartet und ist weitestgehend nur über das Mittelmeer geflogen. Dementsprechend gibt es hier viel Angriffsfläche. Allerdings gibt es auf israelischer Seite eine Seeblockade.

Die Seeblockade

Tatsächlich wird es hier sehr fiktiv. Ich schreibe das am besten direkt am Anfang. Die Voraussetzung für einen erfolgreichen Angriff ist das durchbrechen oder umgehen der Blockade aufseiten der Hamas.

Sollte dies nicht möglich sein, kann mittels MANPADS hier kein Angriff durchgeführt werden, da die Reichweite eines Misagh-3 Systems nach meinen Informationen etwa 5 Kilometer betrifft.

Nun denn, machen wir weiter! Israel hat eine militärische Blockade rund um den Gaza Streifen aufgebaut. Sinn und Zweck ist es, die Einfuhr von militärischen oder militärisch nutzbaren Gütern zu verhindern.

Seeborder - close - with radius

Proportionen eventuell etwas ungenau!

Schauen wir uns die Seeblockade etwas genauer an. Im Bild auf der linken Seite habe ich Israel (Rot), den Gazastreifen (Blau), sowie die jeweiligen Radien (3 Grünstufen) und den Radius einer Misagh-3 (Gelb) eingezeichnet.

Der große und grüne Bereich ist der Maximalradius der Fischereigrenze von 15 Seemeilen, was 27,78 km entspricht. Teilweise darf man bloß in einem Gebiet von 6 Seemeilen bzw. 3 Seemeilen fischen, was etwa 11,11 km und 5,56 km entspricht.

Danach folgen weitere 5 – 17 Seemeilen (9,26 km) Puffergebiet, sodass man sich maximal 37,04 km von der Küste entfernt aufhalten kann, falls man nicht schon vorher vom israelischen Militär neutralisiert wird.

Zum Glück reicht dieser Bereich wie oben angemerkt lange nicht aus, um in die Reichweite eines Flugzeugs zu kommen, da ich davon ausgehe, dass sämtliche Fluggesellschaften Hinweise erhalten, dass sie in bestimmten Regionen nicht fliegen sollten.

Beziehungsweise gibt es im Fall des Gazastreifens auch eine Luftraumsperrung durch Israel.

Für die Wahl der Flugroute ist die jeweilige Fluggesellschaft in 99 % der Fälle selbst verantwortlich. Fluggesellschaften führen eigene Sicherheitsanalysen durch und beziehen dabei Informationen der internationalen Luftfahrtorganisationen (ICAO, IATA und Eurocontrol) mit ein, welche sich wiederum auf die Einschätzungen der lokalen Mitgliedstaaten verlassen.

Das ist ein gängiges Verfahren und wurde um ein Beispiel zu geben in der Ukraine vor dem Abschuss der Maschine vom Malaysia-Airlines-Flug 17 so gemacht.

Allerdings wird teilweise nicht der komplette Luftraum in der Region gesperrt, sondern nur das Fliegen ziviler Maschinen unter einer gewissen Höhe untersagt. In der Ukraine war diese Höhensperrung beispielsweise auf 32.000 Fuß (9753,6 m) festgelegt.

Ich habe mir meine selbst erstellte Karte mit den Grenzen und dem Radius des MANPADS angeschaut und die Flugroute des fiktiven Ziels mit eingezeichnet.

Seeborder - far - with radius

Proportionen eventuell etwas ungenau!

Wie man auf dem oberen Bild ganz klar erkennen kann, gibt es noch einen ziemlich großen Abstand, der erst überbrückt werden müsste, damit das Flugzeug in Reichweite gerät. Allerdings wäre das ohne Probleme möglich, wenn man die Seeblockade unbemerkt überwinden könnte.

Sollte man dies schaffen, steht einem Abschuss einer Zivilmaschine nichts mehr im Wege, da es meinen Informationen nach keinen sicheren Schutz für Passagiermaschinen gibt, welcher die Abwehr einer lasergestützten Flugabwehrrakete einschließt.

Fazit

Das war ein gravierendes Beispiel dafür, wie „einfach“ ein solcher Schlag wäre. Natürlich ist Israel besonders abgesichert und dementsprechend ein schwieriges Ziel für eine Terrororganisation.

Ich stelle mir allerdings gerade die Situation in Afrika vor, wo es neben Boko Haram, Al-Shabaab und dem IS noch viele weitere Terrorgruppen gibt, welche teilweise große Kontrolle in der Region ausüben.

Dort gibt es keinen so starken militärischen Schutz, die Terrororganisationen haben viel mehr Einfluss und die Flugzeuge sind älter.

Ich hoffe, euch hat dieser Beitrag gefallen. Mir hat er jedenfalls sehr viel Spaß gemacht und auch einiges an Zeit gekostet! Euer Maurice!